Die Erdbebenvorsorge in unserem Kanton war noch bis vor kurzem unzureichend – gemessen an dem Schadenspotenzial, das sich aus einem grösseren Erdbeben ergibt. Das liegt vor allem an der sehr geringen Wiederkehrperiode (≥ 30 Jahre) eines richtig wahrgenommenen Erdbebens, wie eines Bebens der Richterskala 5, im Vergleich zu anderen Naturgefahren, denen unser Kantonsgebiet ausgesetzt ist (≤ 20 Jahre für Überschwemmungen).
Die Bevölkerung von Martigny - vor allem die Menschen in den Gebäuden, die auf dem Alluvialboden des Rhonetals errichtet sind - haben das Erdbeben der Stärke 4.9 (Richter) mit Epizentrum auf dem Balmepass, das sich am 8. September 2006 um 13.30 Uhr ereignet hat, sehr stark zu spüren bekommen. Welche Erinnerung wird man daran in zehn Jahren haben? Je häufiger das Ereignis - zum Beispiel Steinschläge auf dem Walliser Strassennetz - desto lebhafter bleibt es den Menschen in Erinnerung. In Griechenland erleben die Einwohner fast jeden Monat Erdstösse der Stärke 4 (Richter). In der Schweiz hat sich dieses mangelnde « seismische » Gedächtnis im Übrigen direkt auf die Bundesgesetzgebung ausgewirkt: Erdbeben sind das einzige Naturrisiko, dem nicht mit einem Gesetz Rechnung getragen wird. Infolgedessen sind Erdbeben das einzige Naturrisiko, das in die alleinige gesetzgeberische Kompetenz des Kantons fällt. Deshalb war das Wallis gezwungen, in 2004 mit dem Baugesetz einschlägig zu handeln.
Hier sei daran erinnert, dass:
die zerstörerische Wirkung eines Erdbebens direkt proportional ist zu seiner Stärke (Magnitude) und der Nähe seines Hypozentrums im Verhältnis zur Erdoberfläche;
die von einem Erdbeben der Stärke 6 (Richter) frei gesetzte Energie exponentiell ist, d.h. 30 mal grösser als die eines Erdbebens der Stärke 5 und 900 mal rösser als die eines Bebens der Stärke 4.
Erdbeben - eine « Nebenwirkung » der Plattentektonik
Animation, welche die Annäherung der europäischen tektonischen Platten in 120 Mio. Jahren und heute zeigt.
Das Wallis wird von grossen E-W-Verwerfungen durchquert, die zur Rhone-Simplon-Versetzung gehören (Blockdiagramm). Diese neotektonischen Strukturen setzen stossweise die Energie frei, die sich durch die elastische Verformung der Felsblöcke in der Tiefe angestaut hat. Im Wallis sind die Erdbeben geringer Stärke ziemlich diffus südlich der Rhone verteilt, während im Norden ihre Herde in der Regel auf die Linie Leuk-Rawyl-Dorénaz konzentriert sind.